Monday 10. August 2020

Beschneidung: Religionen fordern Klarheit

 

Jüdische, muslimische und christliche Religionsvertreter mahnen "klares Bekenntnis zur Religionsfreiheit" und Sicherstellung der "juristischen Legitimität der religiösen Beschneidung in Österreich" ein

 

Wien (KAP) Die Regierung soll ein "klares Bekenntnis zur Religionsfreiheit" abgeben und die "juristische Legitimität der religiösen Beschneidung in Österreich sicherstellen": Das fordern gesetzlich anerkannte Religionsgesellschaften und Kirchen angesichts der durch das Kölner-Urteil auch in Österreich ausgelösten Beschneidungs-Debatte. Die Debatte habe zu einer "Verunsicherung der jüdischen und muslimischen Bevölkerung" geführt, hieß es seitens der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) und der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) bei einer Pressekonferenz am Freitag in Wien.

 

Neben dem Präsidenten der Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, und IGGiÖ-Präsident Fuat Sanac nahmen auch der Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz, Peter Schipka, sowie der lutherische Bischof Michael Bünker an der Pressekonferenz teil.

 

In ihrer gemeinsamen Stellungnahme unterstrichen die Kultusgemeinde sowie die Islamische Glaubensgemeinschaft, dass sie die laufende Beschneidungsdebatte als "Kampagne" und zugleich als "Bedrohung der Religionsfreiheit" erachten. Entschieden wende man sich "gegen das von antireligiösen radikalen Einzelpersonen und Gruppen sowie populistischen politischen Kreisen vorgetragene Bemühen, durch staatlichen Eingriff in das verfassungsrechtlich geschützte Gut der Religionsfreiheit den Eltern das Recht zu nehmen, Kinder entsprechend ihren eigenen Wertmaßstäben zu erziehen", so IKG und IGGiÖ.

 

Die Beschneidung sei für beide Religionen "von grundlegender religiöser Bedeutung" und gerade für Juden ein "Identitätsmal". Wer gegen sie vorgehe, verfolge offenbar noch andere Ziele, mutmaßten Sanac und Deutsch, "nämlich die Forderung, dass religiöse Erziehung von Kindern überhaupt zu verschwinden hat, weil sie die spätere religiöse Selbstbestimmung präjudiziere".

 

Schipka: Religionsfeindliche Tendenzen

 

Bischofskonferenz-Generalsekretär Peter Schipka unterstrich bei der Pressekonferenz den hohen Wert des Menschenrechts auf Religionsfreiheit. An diesem dürfe ebenso wenig gerüttelt werden wie an der geltenden Rechtslage in Österreich. Diese sieht vor, dass eine ordnungsgemäß durchgeführte Beschneidung bei Buben bei Vorliegen einer elterlichen Einwilligung straffrei ist. Schipka: "Das soll aus Sicht der katholischen Kirche auch so bleiben." Eine Änderung der Rechtslage würde Juden und Muslime "in die Illegalität abdrängen". Dies wäre ein "Angriff auf die Religionsfreiheit", der "auch Christen nicht unberührt lassen" könne.

 

Weiters forderte Schipka in der laufenden Debatte ein höheres Maß an Fairness im Umgang miteinander ein. Da die Religionsgemeinschaften "Mitverantwortung für das friedliche und respektvolle Zusammenleben in Staat und Gesellschaft" tragen, hätten sie auch einen Anspruch darauf, bei öffentlich ausgetragenen Debatten "fair und respektvoll" behandelt zu werden. "Sorgen bereiten daher alle Versuche, die durch das Kölner Urteil ausgelöste Diskussion jetzt auch in Österreich so zu instrumentalisieren, dass eine feindliche Haltung gegenüber Judentum, Islam oder Religion generell gefördert wird", sagte der Generalsekretär der Bischofskonferenz.

 

"Sehr besorgniserregend" seien daher all jene Stimmen, die im Ausgang der Debatte "religiöse Erziehung insgesamt in Frage stellen". Gerade die Wortmeldungen einzelner Akteure, die in diesem Kontext etwa auch die Spendung von Sakramenten an Kinder kritisierten, "zeigen im Kern eine religionsfeindliche Haltung", betonte Schipka. Klar sei, dass das Recht auf Religionsfreiheit "auch das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihrer Kinder" beinhalte.

Bünker: "Feindseligkeiten gegen Religion insgesamt"

 

"Feindseligkeiten gegen Judentum und Islam und gegen die Religion insgesamt" ortet der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker in der laufenden Beschneidungsdebatte. So sei es "auffällig", dass bei der Debatte nicht alle medizinischen Eingriffe in den Körper von Kindern - wie etwa das Stechen von Ohrringen, Impfungen, Piercings, ästhetische Eingriffe etc. - gleichermaßen diskutiert würden. Dies erhärte den Eindruck, dass die Debatte auf eine prinzipielle religionsfeindliche Haltung zurückgehe, "zu der auch die christlichen Kirchen nicht schweigen können" und in denen sie "Solidarität mit der jüdischen und muslimischen Gemeinschaft" zeigen müssten.

 

Zugleich zeigte sich Bünker "betroffen über die Art und Weise, wie über essenzielle Inhalte von Religionen diskutiert wird" - und dies, obwohl die rechtliche Lage in Österreich - anders als in Deutschland - klar sei. Bünker spielte in diesem Zusammenhang den Ball zurück an das Justizministerium: dieses sollte durch Mitteilungen etwa an die Staatsanwaltschaften dafür sorgen, dass der Informationsstand über die Rechtslage überall gegeben ist. "Offenkundig gibt es ja bis zu den Landeshauptleuten darüber eine mangelnde Kenntnis." Die Verunsicherung unter der Bevölkerung müsse "ein Ende haben", unterstrich Bünker den gemeinsamen Forderungskatalog.

 

Europa, "dass sich so gerne auf seine jüdischen und christlichen Wurzeln beruft", sei schlecht beraten, so Bünker, wenn es "zentrale und die Identität bestimmende Fragen der Religionsgemeinschaften zunehmend vor Gerichten abhandeln lässt". Wo - wie in Österreich - anerkannte Religionsgesellschaften die Stellung von Körperschaften öffentlichen Rechts genießen, dort hätten sie auch das Recht auf eine "faire und sachliche Diskussion", um so zu gemeinsamen Lösungen zu kommen.

 

Deutsch: Verbot wäre "geistige Vertreibung"

 

Käme in Österreich ein generelles Beschneidungsverbot, so käme das einer "geistigen Vertreibung" gleich, die es Juden und Muslimen nicht mehr möglich machen würde, "in Österreich zu leben": Mit diesen Worten reagierte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, auf eine Nachfrage zu jüngsten Aussagen des Ehrenpräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ariel Muzicant. Dieser hatte gegenüber der "Kleinen Zeitung" (Donnerstag) unterstrichen, ein Verbot der Beschneidung "wäre dem Versuch einer neuerlichen Shoah, einer Vernichtung des jüdischen Volkes, gleichzusetzen - nur diesmal mit geistigen Mitteln".

 

Im Falle eines Verbotes der Beschneidung würde die Kultusgemeinde, die allein in Wien über drei ausgebildete Beschneider verfüge, dafür sorgen, dass die Möglichkeit zur Beschneidung auch weiterhin gegeben sein würde, so Deutsch weiter. Es sei nicht erforderlich, dass Beschneidung in jedem Spital angeboten werde, aber ein Stopp der Praxis nacheinander in einzelnen Spitälern sei "nicht im Sinne der Religionsfreiheit" und verdeutliche nur die Unsicherheit, der die Regierung nun durch eine klare rechtliche Aussage entgegentreten müsse.

 

"Antisemitisch, antiislamisch, atheistisch"

 

Gefragt nach den religiösen Quellen der Beschneidung verwies Fuat Sanac aus islamischer Sicht auf die Tradition. So finde sich die Beschneidung nicht im Koran, wohl aber in der Sunna, der zweiten verbindlichen Glaubens- und Rechtsquelle des Islam. Der verpflichtende Charakter dieser Quelle und des Beschneidungsgebots sei selbst für weniger religiöse Muslime selbstverständlich, so Sanac.

 

Oskar Deutsch verwies von Seiten der Israelitischen Kultusgemeinde auf die 613 Gebote und Verbote im Judentum, zu denen auch das Gebot der Beschneidung zähle. Auch wenn es innerhalb des Judentums eine Diskussion über den verpflichtenden Charakter aller dieser Gebote und Verbote gebe, so werde doch "dieses Gebot, die Beschneidung, fast zu 100 Prozent von den Juden eingehalten. In der Geschichte und auch heute". Es sei schließlich mehr als bloße Tradition, nämlich ein "Zeichen des Bundes Gottes mit dem Volk Israel", so Deutsch.

 

Gemeinsam verwiesen Deutsch und Sanac darauf, dass die Diskussion auch nicht aus dem Inneren der Religionsgemeinschaften selbst komme, sondern "von außen, von Leute, die damit nichts zu tun haben", aufgezwungen worden sei. Neben einer prinzipiell "antireligiösen" Haltung habe sich dabei rasch eine "antisemitische Tendenz" in der Diskussion breit gemacht, so Deutsch. Und Sanac ergänzte, es hätten sich antisemitische, antiislamische, aber auch atheistische und fremdenfeindliche Kräfte in einer gemeinsamen Kampagne "solidarisiert".

 

Es sei daher "traurig, dass sich einige Politiker - allen voran die Landeshauptleute von Vorarlberg und Kärnten - darauf gesetzt haben, um mit diesem Thema Wähler zu gewinnen". Es sei um so wichtiger, dieser Debatte "jetzt ein Ende zu bereiten", so Deutsch und Sanac einhellig.

 

Quelle: Kathpress


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/