Monday 10. August 2020

"Volksbegehren betrifft alle Religionen"

 

Wiener Kardinal: Menschenrecht auf Religionsfreiheit garantiert auch öffentlich Religionsausübung

 

Wien, 30.03.2013 (KAP) Für Kardinal Christoph Schönborn betrifft das "Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien" die Grundrechte aller Religionen, nicht bloß der katholischen Kirche: Alle gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich - "das sind 14 an der Zahl" - haben die "gleichen Rechte und Pflichten", sind Körperschaften öffentlichen Rechts. Es gehe hier um die sehr viele grundlegendere Frage: "Welche Rolle spielen Religionen im öffentlichen Leben? Welchen Platz haben Religionen in einer säkularen Gesellschaft?", betonte der Wiener Erzbischof im Ö 1-Mittagsjournal (Samstag) und hob zugleich das Menschenrecht für Religionen, "sich auch öffentlich zu artikulieren", hervor.

 

"Wenn also die Initiatoren dieses Volksbegehrens gegen angebliche Privilegien der katholischen Kirche mobil machen, dann muss man ihnen sagen: Das betrifft alle Religionen", insofern sie gesetzlich anerkannte Körperschaften des öffentlichen Rechts sind und rechtlich gesehen "völlig den gleichen Status" haben. Kardinal Schönborn begrüßte ausdrücklich eine offene, sachliche Diskussion über die Grundrage der Rolle von Religionen in einer Gesellschaft und in einem weltanschaulich neutralen Staat.

 

Freilich könne man infrage stellen, dass Religionen - nicht nur die katholischen Kirche - den Status von Körperschaften öffentlichen Rechts zuerkannt bekommen haben. "Man kann zum Beispiel ein Gesellschaftsmodell bevorzugen, in dem Religionen in den ganz privaten Bereich gehören. Das wird nur nicht funktionieren, denn das Recht auf Religionsfreiheit, das zu den elementaren Menschenrechten gehört, auch verbrieft in der Charta der Vereinten Nationen und in allen Menschenrechtskonventionen, erkennt den Religionen das Recht zu, sich auch öffentlich zu artikulieren", unterstrich Kardinal Christoph Schönborn. Er empfehle sehr, dass "im Zuge dieses Volksbegehrens über diese Grundfragen ganz offen miteinander diskutiert wird", so der Kardinal.

 

Flüchtlinge: Bemühen um humanitäre Lösungen

 

Der Wiener Erzbischof nahm auch zur Situation der aus der Votivkirche in das Wiener Servitenkloster übersiedelten Flüchtlinge, für die sich der Kardinal persönlich einsetzt, Stellung. Es sei falsch zu sagen, die Flüchtlinge hätten die Votivkirche besetzt, denn es habe während der ganzen Zeit ihres Protestes über normale Gottesdienste und Gottesdienstordnungen gegeben. Die Flüchtlinge hätten in der Kirche Schutz gesucht, und die Kirche hat ihn gegeben, betonte der Kardinal.

 

Die Kirche bemühe sich - auf der Grundlage der Gültigkeit der österreichischen Gesetze - um humanitäre Lösungen, und zwar dort, wo eventuell ein Asylverfahren mit negativem Bescheid geendet hat, wo aber berechtigte Zweifel bestehen, dass eine Abschiebung wirklich verantwortbar ist. Wir kennen einzelne Fälle, wo ernste Gefahr besteht, dass bei einer Abschiebung die betroffene Person wirklich auch in ihrem Leben gefährdet wäre", so Kardinal Schönborn wörtlich. Es sei jeder Einzelfall sorgfältig zu prüfen und die "zum Teil sehr dramatischen Situationen in den Heimatländern" im Blick zu behalten.

 

Für eine breite, offene Debatte sprach sich der Wiener Erzbischof auch beim Thema gesetzliche Feiertage angesichts der aktuellen Forderung der Islamischen Glaubensgemeinschaft und der Israelischen Kultusgemeinde nach jeweils zwei arbeitsfreien Tagen für Muslime bzw. Juden aus. Aus der Geschichte Österreichs heraus, wo rund 80 Prozent der Bevölkerung Mitglieder christlicher Kirchen seien, sei es erklärbar, dass deren Feiertage bisher bevorzugt wurden. Man müsse bei der Debatte um Feiertage die Mehrheitsverhältnisse angemessen berücksichtigen. Die Zahl der Mitglieder islamischen und jüdischen Glaubens sei in Österreich nicht so groß, dass "es von vornherein klar ist, dass ihre religiösen Feiertage für die Gesamtbevölkerung Feiertage sein müssen", sagte Kardinal Schönborn.

 

Von Feiertagen profitiert ganze Bevölkerung

 

"Ich weiß, dass die Wirtschaft die Donnerstage - Fronleichnam und Christi Himmelfahrt - schon seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten anfeindet", weil dies aus ihrer Perspektive eine Belastung sei, so der Erzbischof von Wien. Auch gebe es - in Anspielung auf den Ostermontag und den Pfingstmontag - religiös betitelte Feiertage, die "aber kirchlich gesehen nicht unbedingt Feiertage bleiben müssen. Ich weiß aber nicht, ob die Bevölkerung so begeistert wäre, wenn plötzlich der Ostermontag wegfallen würde." Auch würden viele Menschen in Österreich von religiös begründeten Feiertagen profitieren, weil sie arbeitsfrei sind, "auch wenn sie religiös nicht viel Gebrauch davon machen", so Kardinal Schönborn.

 

Der Kardinal verteidigte das Gedenken für den vor zehn Jahren verstorbenen Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer. "Auch wenn ein Mensch in seinem Leben Verfehlungen gehabt hat, und wer von uns hat in seinem Leben keine Verfehlungen gehabt: Man darf doch selbstverständlich für jemanden beten, man darf auch ein ehrendes Andenken an jene Menschen haben, die in ihrem Leben auch versagt haben. Ich denke, so viel Menschlichkeit muss in unserer Gesellschaft Platz haben", sagte Erzbischof Christoph Schönborn wörtlich.

 

"In der Kirche ist Frühlingsstimmung da"

 

"Frühlingsstimmung in der Kirche ist auf jeden Fall da": So kommentierte der Wiener Kardinal die Begeisterung rund um den neuen Papst Franziskus. Es sei jetzt etwas "Neues, etwas Erfrischendes, Beeindruckendes" angebrochen, auch wenn "sicher Zeiten kommen werden, wo der Papst kritisiert wird". Besonders beeindruckt zeigte sich Schönborn von der "Festigkeit", der "großen inneren Freiheit", aus der heraus der Papst handle, auch wenn er "einfach das Protokoll beiseiteschiebt, wenn er ganz entschieden sagt, ich möchte das so, ich möchte zu den Leuten gehen, ich möchte nicht eingesperrt sein".

 

Die für Kardinal Schönborn notwendige Kurienreform - "die stärksten Impulse für eine Kurienreform kommen aus der Kurie selbst" - betreffen u.a. die Verbesserung der horizontalen Kommunikation in der Kurie sowie die Verbesserung des Verhältnisses der Ortskirchen zur Kurie.

 

Bezug nehmend auf das Gerücht, er werde als künftiger Kardinalstaatssekretär gehandelt, meinte Kardinal Schönborn, er wolle zwar nicht Kardinal Dolan zitieren, der auf Spekulation, er könne Papst werden, gesagt habe, "dass jemand hier Marihuana geraucht hat", aber er müsse doch schlicht und einfach sagen, "das ist völliger Unfug" und ein "Kaffeesud-Wahrsageversuch". Ohne Kaffeesudlese betreiben zu müssen, könne man jedoch sagen, dass die österreichischen Bischofsernennungen "in der nächsten größeren Sitzung der Bischofskongregation" in Rom an die Reihe kämen, so Kardinal Schönborn.

 

Quelle: Kathpress


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
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