Mittwoch 18. Oktober 2017

Evangelische Kirche

 

Reformation

 

Mit dem Beginn der Reformation kommt das Streben nach einer Reform von Kirche und Gesellschaft auch in die habsburgischen Länder. Die wechselvolle Geschichte der Reformation in Österreich mündete nach dem Dreißigjährigen Krieg im Verbot des evangelischen Glaubenslebens; in dieser Zeit überlebte nur der so genannte „Geheim-protestantismus“. Durch über 150 Jahre blieben daher viele Evangelische ihrem Glauben treu – auch ohne Organisation und ohne Pfarrer, trotz Abwanderung und teilweise Zwangsemigration in den Osten des Reiches, trotz Bibelverbrennungen und Schikanen. Eine Ausnahmeregelung existierte nur in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, bedingt durch die hier anwesenden Reichsbehörden und diplomatischen Vertretungen („Gesandtschaftskapellen“).

 

Toleranzpatent

 

Das von Kaiser Joseph II. 1781 erlassene Toleranzpatent wurde als die große Befreiungsurkunde empfunden; rasch entstanden evangelische Gemeinden und Schulen. Vom Jahr 1848 an wurden immer mehr Einschränkungen beseitigt, bis Kaiser Franz Joseph I. im Jahre 1861 durch das Protestantenpatent den Evangelischen bürgerliche Gleichberechtigung gewährte. Noch stand die evangelische Kirche unter staatlicher Oberaufsicht, erst in der Zweiten Republik konnte sie sich durch das 1961 erlassene Protestantengesetz als freie Kirche im freien Staat fühlen.

 

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erhielt die evangelische Kirche Zuzug durch Kaufleute, Unternehmer, Wissenschaftler und Künstler vor allem aus Deutschland und der Schweiz. Im Burgenland – das aus den deutschsprachigen Randgebieten Westungarns gebildete Bundesland wurde Österreich im Staatsvertrag von Saint-Germain (1919) zugesprochen und steht seit 1921 endgültig unter österreichischer Verwaltung – ist der prozentuelle Anteil der evangelischen Bevölkerung größer als in jedem anderen österreichischen Bundesland. Ein weiteres Wachstum erfolgte durch die große Eintrittsbewegung in den ersten Jahren des Ständestaates; die letzte große Zunahme der Evangelischen fand durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Osten (aus Siebenbürgen, dem Banat, der Batschka und der Slowakei) nach dem Zweiten Weltkrieg statt.

 

A.B. (Augsburger Bekenntnis) und H.B. (Helvetisches Bekenntnis)

 

Kaiser Joseph II. hatte den „augsburgischen und helvetischen Religionsverwandten“ Toleranz gewährt. Auch die Schweizer Reformation (Zwingli, Calvin) hatte sich im 16. Jahrhundert im Habsburgerreich, vor allem in Ungarn und in den slawischen Gebieten ausgebreitet. Die gemeinsame Geschichte der Unterdrückung der Evangelischen führte auch zu einer gemeinsamen Weiterentwicklung, die bis zum heutigen Tage anhält. Die Kirchenverfassung schließt die Evangelische Kirche A.B. und die Evangelische Kirche H.B. auf dem Boden Österreichs zusammen zu geschwisterlichem Dienst aneinander, zu gemeinsamem Handeln der Liebe und zu gemeinsamer Verwaltung. Beide Kirchen, durch Gott zusammengeführt in ihrer Geschichte, sind einig in der Bindung an den Weg der Väter der Reformation, vor allem an die Erkenntnis, dass allein in Jesus Christus Heil ist, dargeboten von Gott allein aus Gnaden und empfangen allein durch den Glauben.

 

Die Evangelische Kirche A.B. (Augsburger Bekenntnis) und H.B. (Helvetisches Bekenntnis) verkündigt die bedingungslose Zuwendung Gottes zu seinen Menschen, die durch den Glauben erfahrbar wird. Formen dieser Verkündigung sind die Entfaltung des Lebens der Gemein-den, Diakonie und Mission als Weitergabe der Liebe Gottes, die Teilnahme der Kirchen und der Christen als verantwortliche Einzelne im gesamten Leben unseres Landes.

 

Zu Beginn des dritten Jahrtausends umfasst die Evangelische Kirche A.B. 209 Pfarrgemeinden mit etwa 315.000 Mitgliedern; die Evangelische Kirche H.B. neun Pfarrgemeinden mit knapp 14.000 Mitgliedern. Eine Besonderheit der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich besteht darin, dass es in beiden Bekenntniskirchen gemischtkonfessionelle (zugleich „A. und H.B.“) Pfarrgemeinden gibt.

 

Aufbau und Aufgaben

 

Beide evangelische Kirchen bauen auf der Gemeinde als tragendem Organisationsprinzip auf: Die Gemeinden wählen eine Gemeindevertretung als das Leitungsorgan; aus der Gemeinde-vertretung wird ein Presbyterium zur Führung der laufenden Geschäfte gewählt. In diesem führt die Kuratorin bzw. der Kurator oder die Pfarrerin bzw. der Pfarrer, der bzw. dem das geistliche Amt, also öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung, aufgetragen ist, den Vorsitz.

 

Mehrere Pfarrgemeinden A.B., im Allgemeinen die eines Bundeslandes, sind zu einer Superintendenz zusammengeschlossen; Abgeordnete jedes Presbyteriums und die Pfarrerinnen bzw. die Pfarrer der Gemeinden bilden die Superintendenzialversammlung. Sie tagt unter dem Vorsitz der Superintendentin bzw. des Superintendenten und berät und entscheidet die geistlichen und organisatorischen Belange der Superintendenz. Der Superintendentin bzw. dem Superintendenten ist vor allem die Pflicht der Visitation, also der beratenden Aufsicht über die Gemeinden und Pfarrerinnen bzw. Pfarrer, aufgetragen.

 

In der Evangelischen Kirche A.B. bestehen sieben Superintendenzen, wobei die Bundesländer Salzburg und Tirol zu einer einzigen zusammen-geschlossen sind, während die Gemeinden in Vorarlberg der Evangelischen Kirche H.B. zugehören. Die Superintendenz Wien umfasst auch Teile des östlichen Niederösterreich. Abgeordnete der Superintendentialversammlung bilden die Synode A.B., die höchste gesetzgebende Körperschaft der Kirche A.B., die unter dem Vorsitz einer Präsidentin bzw. eines Präsidenten tagt, die bzw. der nicht Geistlicher ist. Die Vertretung der Kirche nach außen obliegt der Bischöfin bzw. dem Bischof, der bzw. dem zur Führung der Amtsgeschäfte und zur Leitung der Kirche der Oberkirchenrat A.B. zur Seite steht. Dieser setzt sich aus der Bischöfin bzw. dem Bischof, der Landeskuratorin bzw. dem Landeskurator und zwei geistlichen und zwei weltlichen Oberkirchenräten zusammen.

 

Die Gemeinden der Evangelischen Kirche H.B. – in Wien, Linz, Oberwart und im Land Vorarlberg – senden ihre Vertreter direkt in die Synode H.B. Dem Evangelischen Oberkirchenrat A.B. entspricht der Oberkirchenrat H.B., der aus drei weltlichen, zwei geistlichen Mitgliedern und der Vorsitzenden bzw. dem Vorsitzenden, besteht. Der Landessuperintendentin bzw. dem Landes-superintendenten obliegt die geistliche Leitung der Evangelischen Kirche H.B.

 

Die Gesetzgebung in gemeinsamen Angelegenheiten erfolgt in der Generalsynode A. und H.B., ebenso die Beratung und Beschlussfassung über Angelegenheiten der Vertretung beider Kirchen nach außen. Sämtliche geistlichen und weltlichen Funktionen auf allen Ebenen können von Männern und Frauen wahrgenommen werden.

 

Die Evangelisch-Lutherische Kirche A.B. gliedert sich dreistufig:

  • Pfarrgemeinde
  • Superintendentialgemeinde
  • Gesamtgemeinde A.B.

 

Die Reformierte Kirche H.B. zweistufig:

  • Pfarrgemeinde
  • Gesamtgemeinde H.B.

 

Die wichtigsten Aufgabengebiete der Evangelischen Kirche sind die Seelsorge, der Religionsunterricht, die Diakonie und die Mission.

 

Sämtliche Amtsträger der evangelischen Kirche (geistliche wie weltliche) werden gewählt. Die Ernennung von „oben nach unten“ ist nicht gewollt, wie sich überhaupt das evangelische Kirchenwesen prinzipiell von „unten nach oben“ aufbaut. Die Evangelische Kirche A. und H.B. ist nicht nur Gründungsmitglied des „Ökumenischen Rates der Kirchen“ (ÖRKÖ), sondern die beiden einzelnen Kirchen sind jeweils auch Mitglieder des Lutherischen bzw. des Reformierten Weltbundes. Beide gehören auch der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) sowie der „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE)“ an.

 

Das Bundesgesetz über äußere Rechtsverhältnisse der evangelischen Kirche („Protestantengesetz“) aus dem Jahre 1961 bildet die Grundlage für die Beziehungen des Staates und der evangelischen Kirche zu einander in Österreich.

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/