Samstag 24. Juni 2017

Altkatholische Kirche 

 

Geschichte

 

Die Altkatholische Kirche entstand aus dem innerkatholischen Widerstand gegen die beiden Dogmen von der Unfehlbarkeit (Infallibilität) und der bischöflichen Allgewalt (Jurisdiktionsprimat) des Papstes, die 1870 allgemein verpflichtend verkündet wurden. Jene Katholikinnen und Katholiken, die aus Glaubensgründen diese Dogmen nicht annahmen, nannten sich „altkatholisch“, weil sie sich zum Glauben der einen, ungeteilten, alten, katholischen und apostolischen Kirche der ersten Jahrhunderte bekannten. So kam es zur Bildung „altkatholischer Aktionskomitees“, deren Vertreter – unter ihnen der Münchner Stiftspropst und Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger – sich 1871 zum „Ersten Altkatholischen-Kongress“ in München versammelten und weiterführende Schritte besprachen.

 

In Österreich wurde mit Gemeindebeschluss vom 6. Oktober 1871 die Rathauskapelle St. Salvator in Wien (1. Wiener Gemeindebezirk) den „antivatikanisch gesinnten Katholiken“ zur Benützung übergeben, sodass am 15. Oktober 1871 Pfarrer Alois Anton in diesem Gotteshaus den ersten altkatholischen Gottesdienst feiern konnte. Tags darauf verfügte Kardinal Rauscher das Lokalinterdikt über die Salvatorkapelle, das erst 1969 von Kardinal Dr. Franz König aufgehoben wurde. Altkatholische Gottesdienste fanden im nordböhmischen Warnsdorf (16. Oktober 1871) und in Ried im Innkreis (Christtag 1871) statt. Diese drei Städte wurden die Kernpunkte für die sich im Laufe der folgenden Jahre bildenden Kirchengemeinden. Erst nach mehreren Versuchen und langwierigen Auseinandersetzungen sprach der k. k. Minister für Cultus und Unterricht mit Verordnung vom 18. Oktober 1877 die Anerkennung der Altkatholischen Kirche Österreichs aus.

 

Auf der Ersten Ordentlichen Synode (5. Mai 1879) wurden die von Professor von Schulte im Entwurf vorgelegte Kirchenverfassung, die „Synodal- und Gemeindeordnung“, angenommen und der Synodalrat gewählt, dessen erster Vorsitzender Dr. Carl Linder wurde. Die Synodalversammlung vom 9. Juni 1879 beschloss eine Reihe von Reformen, wie die Mitentscheidung der Laien in der Kirchen- und Gemeindeleitung, die Einführung der Muttersprache im Gottesdienst sowie die Aufhebung des Zölibatszwangs und der Verpflichtung zur Ohrenbeichte.

 

Erst 1888 erhielt die Altkatholische Kirche in Pfarrer Amandus (auch: Milos) Czech einen Bistumsverweser; die Zustimmung zur Wahl eines Bischofs wurde staatlicherseits versagt, da die für dieses Amt notwendige finanzielle Grundlage noch nicht gegeben erschien. Der Bischofssitz Wien wurde jedoch 1896 nach Warnsdorf verlegt. Obwohl die Altkatholische Kirche in den ersten Jahrzehnten mit vielen Schwierigkeiten, wie Mangel an Geistlichen, großen Entfernungen bei der Betreuung der Gläubigen und finanziellen Sorgen zu kämpfen hatte, nahm die Zahl der altkatholischen Gläubigen in den folgenden Jahren erheblich zu. 1901 wurde eine Filialgemeinde in Graz errichtet, die bereits 1909 Selbständigkeit als Kirchengemeinde erlangte. In Linz entstand 1904 eine Filialgemeinde der Kirchengemeinde Ried im Innkreis.

 

Nach dem Ende der Donaumonarchie wurden die auf österreichischem Gebiet verbliebenen drei Kirchengemeinden Wien, Ried im Innkreis und Graz zu einem selbständigen Bistum zusammengeschlossen, dessen Errichtung die Kultusabteilung des Ministeriums für Inneres und Unterricht mit Erlass vom 26. März 1921 zustimmte. Bistumsverweser wurde Pfarrer Adalbert Schindelar, der 1924 zum Bischof gewählt wurde. 1922 erreichte Salzburg, das bisher zu Ried gehört hatte, den Status einer selbständigen Kirchengemeinde.

 

Nach 1938 wurden die Altkatholische Kirche Österreichs und später die der damaligen Tschechoslowakei mit der „Katholischen Kirche der Altkatholiken des Deutschen Reiches“ nach reichsrechtlichen Vorschriften vereinigt. Dieser zwangsweise Zusammenschluss brachte eine Reihe von Veränderungen. Es mussten zunächst eine Kirchenbeitragsordnung und eine zentrale Kirchenbeitragsstelle errichtet, außerdem die „Synodal- und Gemeindeordnung“ den geänderten Verhältnissen angepasst werden. Hand in Hand damit erfolgte eine Zentralisierung der gesamten Kirchenverwaltung. Die Kirchengemeinde Wien wurde in den 1940er Jahren in sechs selbständige Kirchengemeinden aufgeteilt.

 

Nach Beendigung des Krieges bestanden die größten Probleme in der Wiederherstellung der im Krieg beschädigten Gottesdienststätten und in der Schaffung neuer Kirchenräume anstelle jener, die den Bomben zum Opfer gefallen waren. Die finanzielle Lage war mehr als angespannt, doch erfreute sich die österreichische Kirche der Hilfe ausländischer Kirchen. Erst durch das „Bundesgesetz über finanzielle Leistungen an die altkatholische Kirche“ (1960) trat eine gewisse Konsolidierung ein. 1980 erhielt die Altkatholische Kirche Österreichs eine neue Kirchenverfassung, die vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst mit Erlass vom 11. Dezember 1980 genehmigt wurde.

 

Die Altkatholische Kirche – in Österreich zählt sie etwa 18.000 Mitglieder – ist eine Landeskirche. Die Verfassung ist bischöflich-synodal, das heißt, die Leitung und Verwaltung der Kirche erfolgen im Zusammenwirken des Bischofs mit den in den Synodalrat gewählten Geistlichen und Laien (Frauen und Männern).

 

Aufbau und Struktur

 

Der Bischof wird von der Synode gewählt und nach der Wahl von einem altkatholischen Erzbischof oder Bischof unter Assistenz von zwei weiteren Bischöfen, die in der apostolischen Sukzession stehen, geweiht. Die Bischöfin bzw. der Bischof hat die geistliche Leitung der Kirche inne, ihr bzw. ihm obliegt die Sorge für die Erhaltung der Bekenntnisgrundlagen und der Liturgie. Das geistliche Amt ist dreigeteilt: Diakonin bzw. Diakon – Priesterin bzw. Priester – Bischöfin bzw. Bischof. Nach Synodenbeschlüssen von 1991 und 1995 stehen alle Ämter grundsätzlich auch Frauen offen. Der Bischöfin bzw. dem Bischof steht der Synodalrat für Verwaltungsaufgaben, insbesondere für die Vermögensverwaltung, zur Seite. Bischöfin bzw. Bischof und Synodalrat bilden die Kirchenleitung. Der Synodalrat besteht aus drei geistlichen und sechs weltlichen Mitgliedern, die von der Synode auf die Dauer von sechs Jahren gewählt werden. Bischöfin bzw. Bischof und Vorsitzende bzw. Vorsitzender des Synodalrates vertreten die Kirche nach außen.

 

Die Synode ist das oberste gesetzgebende Organ der Kirche, das alle drei Jahre zusammen-tritt. Stimmberechtigt sind die Bischöfin bzw. der Bischof, die Geistlichen, die Synodalräte weltlichen Standes und die Abgeordneten der Gemeinden, die nur weltlichen Standes sein können, jeweils Frauen und Männer. Antragsberechtigt sind der Bischof, die Geistlichenkonferenz, der Synodalrat und die Kirchengemeinden.

 

Die Altkatholische Kirche Österreichs besteht heute aus zwölf Kirchengemeinden. Dem Seelsorger steht ein Gemeindevorstand, dem mindestens drei, höchstens 15 Kirchenräte (Frauen und Männer) angehören, zur Seite. Die Gemeindeversammlung, das sind die volljährigen Mitglieder der Kirchengemeinde, hat das Recht der Antragstellung zur Synode und wählt den Pfarrer, die Kirchenräte sowie die Abgeordneten zur Synode (jeweils Frauen und Männer).

 

Die Altkatholische Kirche Österreichs gehört zur Utrechter Union. Sie ist der Zusammenschluss der selbständigen altkatholischen Landeskirchen, die durch ihre Bischöfinnen bzw. Bischöfe in dieser Union vertreten sind. Grundlage ist die „Utrechter Erklärung von 1889“ und die den Kirchen gemeinsame Katholizität des Amtes und der Liturgie. Die Bischöfinnen bzw. Bischöfe mit ihren theologischen Beraterinnen bzw. Berater treten regelmäßig zur Internationalen Altkatholischen Bischofskonferenz (IBK) zusammen, deren Präsidentin bzw. Präsident ex officio die Erzbischöfin bzw. der Erzbischof von Utrecht ist. Die IBK ist für alle Fragen zuständig, die die Aufrechterhaltung der Gemeinschaft der altkatholischen Kirchen sowie die Beziehungen zu den anderen Kirchen betreffen, und ist befugt, im Namen der altkatholischen Kirchengemeinschaft lehramtliche Erklärungen abzugeben und Abkommen mit anderen Kirchen zu schließen.

 

Dies kann nur im Einvernehmen der Bischöfinnen bzw. Bischöfe und nach Rücksprache jeder einzelnen Bischöfin bzw. jedes einzelnen Bischofs mit ihrer bzw. seiner Ortskirche geschehen. Erst nach einem solchen wechselseitigen Verfahren möglichst großer Konsensfindung und nach der Annahme durch die Gläubigen können Beschlüsse der IBK verbindlich sein und verfassungsmäßig in Kraft gesetzt werden. Daraus folgt, dass nicht in allen Kirchen der Utrechter Union Beschlüsse der IBK unbedingt in gleicher Weise und zu gleicher Zeit vollzogen werden müssen. Internationale Altkatholikenkongresse finden alle vier Jahre statt. In jedem Jahr wird eine Internationale Altkatholische Theologenkonferenz abgehalten. Darüber hinaus bestehen eine Internationale Liturgische Kommission, ein Internationales Altkatholisches Laienforum, eine Altkatholisch-anglikanische Bischofskonferenz und eine Altkatholisch-anglikanische Theologentagung, die allesamt der Erörterung gemeinsamer Fragen dienen.

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/