Mittwoch 18. Oktober 2017

Israelitische Religionsgesellschaft 

 

 

Geschichte

 

Die historischen Quellen berichten, dass Juden bereits zu Beginn des 10. Jahrhunderts in Wien ansässig waren. Ihr Recht auf Niederlassung war in der Folge nicht auf bestimmte Wohnviertel in der Nähe des Herzogspalastes beschränkt, sondern es war ihnen freigestellt, auch in den übrigen Teilen der Stadt Häuser zu erwerben. Erst unter antijüdischem Druck der Wiener Bürger kam es im 13. Jahrhundert zur Errichtung eines Ghettos, das sich rund um den heutigen Judenplatz erstreckte.

 

Ende des 13. und im 14. Jahrhundert genoss die jüdische Gemeinde Wiens den Ruf, die führende Gemeinde der deutschen Judenheit zu sein. Unter den so genannten „Weisen von Wien“ befanden sich u. a. die Rabbiner Isak Or Sarua, Avigdor ben Elijah ha-Kohen und Meir ben Baruch ha-Levi. Die finanzielle Notlage Herzog Albrechts V. und der weit verbreitete Judenhass unter der christlichen Bevölkerung der Stadt führten jedoch zu den grausamen Verfolgungen der Jahre 1420/21, in deren Gefolge viele Juden des Landes verwiesen wurden. Zahlreiche von ihnen starben in der Folge als Märtyrer.

 

Nur eine kleine Zahl von Juden lebte im 15. und 16. Jahrhundert in Wien. Ein funktionierendes Gemeindeleben entstand erst wieder zu Beginn des 17. Jahrhunderts in der heutigen „Leopoldstadt“; 1632 zählte man rund 500 Familien in 136 Häusern. Diese Gemeinde verdankte ihre hervorragende Stellung in der Welt jüdischer Gelehrsamkeit, nicht zuletzt den in ihrer Mitte wirkenden Rabbinern Jom-Tow Lipman Heller und Sachbtaj Scheftel Horowitz. Doch das ungetrübte Bild blieb nicht lange erhalten. Wieder waren es die tief verwurzelten antijüdischen Ressentiments unter der Bevölkerung, die für die Entscheidung des Kaisers, die Juden aus Wien zu vertreiben, verantwortlich zu machen waren.

 

Nur langsam kehrten Einzelne, mit besonderen, nur auf ihre Person beschränkten „Privilegien“ ausgestattet, nach 1675 nach Wien zurück. Die anderen Vertriebenen zogen nach Fürth in Bayern, nach Brandenburg und in andere Städte Deutschlands und bereicherten das jüdische Leben in ihrer neuen Heimat. An der Spitze der Neuankömmlinge in Wien standen prominente „Hoffaktoren“, wie Samuel Oppenheimer, Samson Wertheimer (der 1693 zum Oberrabbiner Ungarns ernannt wurde) und Diego Aguilar, der Gründer der Wiener sefardischen Gemeinde, welche schon ein Jahrhundert vor der offiziellen Gründung einer aschkenasisch-jüdischen Gemeinde auf Grund der türkischen Staatszugehörigkeit der sefardischen Juden die Anerkennung der Behörden erlangte.

 

Es war der Sohn Maria Theresias, Kaiser Joseph II., der durch die Erlassung des Toleranzpatents für Österreich im Jahre 1781 in vielfacher Hinsicht den Weg für die Emanzipation im 19. Jahrhundert ebnete. Erwähnt werden muss noch, dass Wien damals das Zentrum des hebräischen Buchdrucks in Mitteleuropa war und vom Ende des 18. Jahrhunderts an und während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts den Mittelpunkt der Haskalah-Bewegung (der jüdischen Aufklärung) darstellte.

 

1826 entstand der Stadttempel, Symbol eines Kompromisses zwischen den Anhängern einer religiösen Reform und traditionalistisch eingestellten Juden, ein Ausgleich, der auch in der Ernennung Isaak Noah Mannheimers zum Prediger und Direktor der Religionsschule seinen Ausdruck fand.

 

Juden beteiligten sich in prominenten Positionen an der Revolution des Jahres 1848 und erhielten 1849 zunächst inoffiziell, 1867 dann konstitutionell den Status der Gleichberechtigung. Im Jahr 1848 ist auch die offizielle Gründung der jüdischen Gemeinde anzusetzen, die sich 1852 als Israelitische Kultusgemeinde in Wien zunächst ein provisorisches, im Jahre 1868 dann das definitive, von den Behörden anerkannte Statut gab, welches später auf Grund des die Organisation der Israelitischen Religionsgesellschaft regelnden Israelitengesetzes vom März 1890 seine im Wesentlichen noch heute geltende Fassung erhielt.

 

Die Israelitische Kultusgemeinde wurde so zur einzigen von den Behörden anerkannten jüdischen Gemeinde, gleichsam zu einer Dachorganisation, die auch alle den verschiedenen Strömungen des Judentums angehörigen, in diversen Bethausvereinen organisierten Juden umfasste.

 

Nach Jahrhunderten der Unterdrückung war den Jüdinnen und Juden Wiens nach der Revolution des Jahres 1848, nach Gewährung der Freiheit, ein durchaus glückliches Los beschieden, eine Tatsache, welche außerordentlich große kulturelle Bedeutung für die Jüdinnen und Juden selbst, aber auch für Wien und ganz Österreich hatte. So war Wien Ende des 19. und im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts der Mittelpunkt des Zionismus, der jüdisch-nationalen Bewegung. Dr. Theodor Herzl (1860-1904), dem es gelang, der 2.000 Jahre alten Sehnsucht des jüdischen Volkes nach einem eigenen Staat in seinem Buch „Der Judenstaat“ beredten Ausdruck zu verleihen, lebte und wirkte in Wien. Bis zu seiner fast vollständigen Vernichtung in den Jahren 1938 bis 1945 zeichnete sich das Wiener Judentum durch bemerkenswerte Leistungen auf allen Gebieten der Kultur und der Wissenschaft aus.

 

Im Jahre 1938 lebten rund 180.000 Juden in Wien. Nur wenige hundert Mitglieder dieser jüdischen Gemeinde überlebten die über sie hereingebrochene Verfolgung, die Vertreibung und die physische Vernichtung. Die nach 1945 wieder entstandene, heute nur 7.000 Mitglieder zählende Israelitische Kultusgemeinde Wien ist wohl in rechtlicher Hinsicht, nicht jedoch nach der Zusammensetzung ihrer Mitglieder – diese sind zum Großteil Vertriebene aus ganz Europa, die hier eine Heimstatt suchten – direkte Nachfolgerin der Vorkriegsgemeinde.

 

Die Israelitische Kultusgemeinde Wien, übrigens die größte der im Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs zusammengefassten jüdischen Gemeinden (Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck) dieses Landes, zählt zur Zeit rund 7.700 registrierte und weitere 4.000 bis 5.000 nicht in Kultusgemeinden registrierte Personen jüdischer Konfession.

 

Aufbau und Aufgaben

 

Der Kultusvorstand ist das oberste Organ der Kultusgemeinde. Er umfasst 24 Mitglieder, die von den Gemeindemitgliedern jeweils für vier Jahre in direkter Wahl bestimmt werden. Dieser wählt aus seiner Mitte den die Kultusgemeinde nach außen vertretenden und die Oberleitung der Gemeindeverwaltung führenden Präsidenten, zwei Vizepräsidenten, die Mitglieder des Vertreterkollegiums und die Mitglieder der einzelnen Fachkommissionen. Den Kommissionen obliegt die Vorberatung der dem Kultusvorstand zur Beschlussfassung vorzulegenden Angelegenheiten. Zwei Generalsekretäre, von denen der eine für alle die ideellen Zielsetzungen der Kultusgemeinde betreffenden Angelegenheiten (Kultus, Kultur, Öffentlichkeitsarbeit, Soziales, Bildung, Sicherheit usw.), der andere für kaufmännisch-organisatorische Belange zuständig ist, koordinieren die Tätigkeiten der Kultusgemeinde gemäß den Richtlinien und Beschlüssen des Kultusvorstandes.

 

Paragraph 3 des Statuts der Israelitischen Kultusgemeinde Wien besagt, dass es Aufgabe der Kultusgemeinde ist, „innerhalb der durch die Staatsgrenze gezogenen Grenzen für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen und die durch diesen Zweck gebotenen Anstalten zu erhalten und zu fördern.“

 

Insbesondere sorgt die Kultusgemeinde:

  • für die Errichtung, den Bestand und die Erhaltung gottesdienstlicher Anstalten und ritueller Einrichtungen, für die regelmäßige Abhaltung des täglichen öffentlichen Gottesdienstes, für die Vornahme der rituellen Schlachtungen und das rituelle Bad;
  • für die Bestellung eines Rabbinatskollegiums, für die Anstellung und die Besoldung der Rabbiner, der sonstigen Religionsdiener sowie der Verwaltungsbeamten und Diener der Gemeinde;
  • für die Erteilung des Religionsunterrichts und für dessen Beaufsichtigung;
  • für den Bestand und die Erhaltung von 43 Friedhöfen, von denen vor allem die jüdischen Abteilungen auf dem Wiener Zentralfriedhof (4. Tor) noch belegt werden, für die dem Ritus entsprechende Beerdigung der Verstorbenen, unbeschadet der diesbezüglich bestehen-den Gesetze und Vorschriften;
  • für die Betreuung der vielen Massengräber jüdischer Märtyrer auf nicht jüdischen Begräbnisstätten;
  • nach Maßgabe ihrer Mittel für den Bestand und die Erhaltung vorhandener sowie für die Errichtung neuer Anstalten und Stiftungen der Kultusgemeinde, welche zu Unterrichtszwecken, zur Unterstützung von Armen, Witwen und Waisen, zur Krankenpflege und Altersversorgung und überhaupt zu gemeinnützigen und humanitären Zwecken gewidmet sind, sowie für die Wahrung des rituellen Charakters aller dieser Anstalten und Stiftungen.

 

Konkret heißt dies unter anderem:

  1. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien erhält eine große Synagoge im Zentrum der Stadt, den 1826 fertig gestellten „Wiener Stadttempel“, darüber hinaus gibt es elf Vereinsbethäuser.
  2. Sie erhält die so genannte Zwi-Perez-Chajes-Schule, eine Erziehungsinstitution, die einen Kindergarten, eine Vorschule, eine Volksschule sowie ein Gymnasium umfasst, deren Auf-gabe es ist, den Kindern dieser Gemeinde neben weltlicher Erziehung auch fundiertes jüdisches Wissen zu vermitteln. Diese Schule erfüllt im Hinblick auf die Kinder russisch-jüdischer Immigrantinnen und Immigranten eine wertvolle integrative Funktion.
  3. Sie sorgt für einen für alle Kinder der Gemeinde obligatorischen Religionsunterricht im Rahmen des öffentlichen Schulunterrichts.
  4. Sie unterstützt ferner die streng orthodox geführte Talmud-Tora-Volks- und Hauptschule „Machsike Ha-dass“, die orthodoxe, ebenfalls unter dem Zeichen der Integration von Kindern russisch-jüdischer Zuwanderer stehende Lauder Chabad-Volks- und Mittelschule so-wie drei orthodoxe Nachmittagsschulen, welche den Kindern, denen das im Rahmen des von der Kultusgemeinde organisierten allgemeinen Religionsunterrichts Gebotene zu wenig ist, intensiven Unterricht in den diversen religiösen Fächern bieten.
  5. Sie erhält ein Altersheim mit 30 Zimmern, ein Pflegewohnheim mit 60 Zimmern und eine geriatrische Station mit 60 Betten.
  6. Die Kultusgemeinde befürsorgt mehr als 1.000 Arme aus ihrer Mitte durch monatliche Zu-wendungen, einmalige Aushilfen, Krankenbesuche, Sprachkurse sowie Erteilung von Rat in sozialen Angelegenheiten.
  7.  Sie versucht, durch kulturelle Veranstaltungen in ihrem Gemeindezentrum den Interessen ihrer Mitglieder entgegenzukommen und darüber hinaus Ansatzpunkte für Kontakte mit der nicht jüdischen Umwelt zu schaffen.

 

Sie setzt alle ihre Kräfte zur Bekämpfung des Antisemitismus ein.

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/