Mittwoch 18. Oktober 2017

Jehovas Zeugen in Österreich

 

Jehovas Zeugen in Österreich sind Teil der internationalen Gemeinschaft von Jehovas Zeugen, die gegenwärtig in mehr als 230 Ländern und Territorien tätig ist. Im Jahr 2008 wurden weltweit über 7,1 Millionen aktive Zeugen Jehovas gezählt, in Österreich 20.723. Jehovas Zeugen sind Christen. Sie bemühen sich, in der Nachfolge von Jesus Christus ein Leben nach den Leitprinzipien der Bibel zu führen.

 

Geschichte

 

Anfang der 1870er Jahre begann eine Gruppe um Charles Taze Russell (1852-1916) in Pennsylvania (USA) mit regelmäßigen, systematischen Bibelbetrachtungen. Dieser Bibelkreis setzte sich mit verschiedenen religiösen Lehren, u. a. mit dem „Kommen des Reiches Gottes“ auseinander. Die Gruppe war entschlossen, ihr Wissen an andere weiterzugeben, und begann 1879 mit der Veröffentlichung der Zeitschrift „Der Wachtturm“, die heute mit einer durchschnittlichen Auflage von 37,2 Millionen in 174 Sprachen weltweit die am weitesten verbreitete religiöse Zeitschrift ist.

 

In Österreich sind Jehovas Zeugen seit 1911 tätig. 1923 wurde das erste Büro der Glaubensgemeinschaft in Wien eröffnet. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden Jehovas Zeugen Opfer von Entrechtung, Verbot und Verfolgung, hauptsächlich wegen der Weigerung, den Hitlergruß zu leisten und an militärischen Aktivitäten teilzunehmen. Schon allein die Tatsache, dass man ein Mitglied der internationalen Gemeinschaft der Zeugen Jehovas war, konnte Repressalien heraufbeschwören – selbst für Kinder und Jugendliche. Während dieser schwierigen Jahre waren in Österreich etwa 90 Prozent der Zeugen Jehovas in Gefängnissen oder Konzentrationslagern inhaftiert,  mehr als ein Viertel von ihnen fand den Tod.

 

Nach 1945 nahmen Jehovas Zeugen ihre organisierte Tätigkeit mit neuem Schwung auf. 1998 wurde ihnen Rechtspersönlichkeit als staatlich eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft verliehen. Seit 7. Mai 2009 sind Jehovas Zeugen eine anerkannte Religionsgemeinschaft in Österreich.

 

Lehre

 

Gottes Name: Früher waren Jehovas Zeugen als „Bibelforscher“ bekannt. Allerdings nahmen sie 1931 offiziell den Namen „Jehovas Zeugen“ an. Dieser Name ist in der Bibel zu finden, und zwar in Jesaja 43,10, wo es heißt: „ ‚Ihr seid meine Zeugen‘, ist der Ausspruch Jehovas.“ (Bibelzitate sind der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift entnommen). „Jehova“ (oder „Jahwe“) ist der Eigenname Gottes, wie er fast 7.000 Mal in den Hebräischen Schriften der Bibel belegt ist.

 

Gottes Wort: Sämtliche Glaubensansichten von Jehovas Zeugen stützen sich auf die Bibel. Diese ist für sie weit mehr als ein menschliches Kulturgut. Wie der Apostel Paulus glauben sie, dass „die ganze Schrift … von Gott inspiriert [ist] und nützlich zum Lehren, zum Zurechtweisen, zum Richtigstellen der Dinge, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“ (2. Timotheus 3,16).

 

Gottes Königreich: Jesus lehrte seine Nachfolger, das „Vaterunser“ zu beten. In diesem Gebet wird unter anderem gesagt: „Dein Königreich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf der Erde“ (Matthäus 6,10). Jehovas Zeugen glauben, dass dieses Gebet in naher Zukunft erfüllt werden wird. Die Bibel beschreibt Gottes Königreich als eine wirkliche Regierung, die mit Christus als König vom Himmel aus herrschen wird. Gott wird sich dieses Königreichs bedienen, um seinen Willen auf der Erde geschehen zu lassen. Die Tätigkeit der Königreichsregierung umfasst auch die Wiederherstellung der Erde zu einem Paradies, in dem es Ungerechtigkeit, Armut, Hungersnot, Verbrechen, Gewalttätigkeit, Krieg, Umweltverschmutzung und sogar Krankheit und Tod nicht mehr geben wird.

 

Verkündigung: Jehovas Zeugen vertreten die Auffassung, dass jede Person das Recht hat, in religiösen Angelegenheiten eine eigene Entscheidung zu treffen, und dass dieses Recht geachtet werden sollte. Sie sind allerdings auch davon überzeugt, dass Gott in der Bibel selbst offenbart, wie er angebetet werden möchte. Daher sind sie – nach biblischem Muster – missionarisch tätig. Sie betrachten es als ein Gebot der Liebe, möglichst vielen Menschen die biblischen Wahrheiten zugänglich zu machen. Gottes Wort öffentlich und von Haus zu Haus zu verkündigen, ist ein wichtiger Teil ihres Gottesdienstes (Matthäus 24,14; 28,19-20).

 

Verhältnis zum Staat: Jehovas Zeugen haben eine positive Grundeinstellung gegenüber Staat und Gesellschaft. Sie anerkennen den Rechtsstaat und auch das Demokratieprinzip in vollem Umfang. Sie sehen demokratisch gewählte Staatsorgane als legitimiert, als von Gott geordnete Gewalten (Römer 13,1-7) an. In Übereinstimmung damit sind Jehovas Zeugen als gesetzes-treue Bürger bekannt, die ihre Staatsbürgerpflichten ernst nehmen und bereitwillig mit Behörden und Staatsorganen zusammenarbeiten. Durch die Ablegung des christlichen Zeugnisses und durch Nächstenliebe in Wort und Tat tragen sie zur Stabilisierung sowie zur Förderung der Toleranz und des Friedens in der Gesellschaft bei.

 

Struktur

 

Gemäß der Bibel war die leitende Körperschaft der Christen des ersten Jahrhunderts eine Körperschaft aus Jüngern Jesu, die durch seine Lehren eng miteinander verbunden waren. Sie versorgte die Gemeinden mit Richtlinien über religiöse Angelegenheiten, und diese Richtlinien halfen, die Einheit der Lehre zu bewahren. Auch sorgt sie für den nötigen geistlichen Beistand (Apostelgeschichte 15 und 16).

 

In ähnlicher Weise gibt heute die Leitende Körperschaft von Jehovas Zeugen Anleitung, Ermunterung und Rat und erlässt Richtlinien, die auf die Bibel gestützt sind, um Jehovas Zeugen zu helfen, die Einheit in der Lehre zu bewahren, und um für den nötigen geistlichen Beistand zu sorgen. Die Leitende Körperschaft hat ihren Sitz in Brooklyn, New York, und besteht aus mehreren erfahrenen und bibelkundigen Personen aus verschiedenen Ländern, welche der weltweiten Gesellschaft der Zeugen Jehovas vorstehen.

 

Geistlich aufsichtführendes Organ der Religionsgemeinschaft in Österreich ist das Zweigkomitee, welches gegenwärtig aus fünf Ältesten besteht. Es arbeitet und entscheidet auf der Grund-lage der Anweisungen der Leitenden Körperschaft. Dem Zweigkomitee obliegt die administrative und rechtliche Aufsicht über die Religionsgemeinschaft, ihre Gliederung und Einrichtung.

 

Dazu gehören die derzeit 296 Versammlungen (Gemeinden). Jede Versammlung besteht aus etwa 50 bis 120 Zeugen Jehovas und wird von einer Gruppe verantwortlicher Ältester oder Aufseher (griechisch: presbýteroi oder epískopoi) geleitet. Ihnen stehen Dienstamtsgehilfen (griechisch: diákonoi) zur Seite, denen verschiedene organisatorische Aufgaben übertragen werden. Die Religionsgemeinschaft beruft geeignete Mitglieder in diese Dienstämter, die auf Dauer ausgelegt sind. Alle diese Dienste sind ehrenamtlich und werden aus religiös motivierter Freiwilligkeit geleistet in dem Bewusstsein, dass es sich dabei um heiligen Dienst zur Ehre und Verherrlichung Gottes handelt.

 

Ihre Anbetungsstätten bezeichnen Jehovas Zeugen als „Königreichssäle“. Diese dienen nicht nur dem Gottesdienst und der Belehrung, sondern auch als Zentren für die Verbreitung der „guten Botschaft vom Königreich“ in dem der jeweiligen Versammlung zugeteilten geografischen Gebiet. Durch diese öffentliche Verkündigungstätigkeit werden Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Geschlechts oder ihrer Bildung eingeladen, die Bibel näher kennenzulernen und die Erfahrung zu machen, dass ein Leben nach biblischen Wertvorstellungen immer noch zeitgemäß ist und glücklich macht.

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/