Samstag 24. Juni 2017

Neuapostolische Kirche

 

 

Als Reaktion auf die Folgen der Französischen Revolution (1789-1793) kam es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in vielen religiösen Kreisen Europas zu einer Wiederbelebung und Intensivierung des Geisteslebens. Gläubige Christinnen und Christen beteten um die erneute Ausgießung des Heiligen Geistes und die erneute Sendung von Aposteln. Die ersten Gemeinden des neuen apostolischen Glaubens entstanden in Albury und London (England). Von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an entwickelte sich aus diesen Anfängen die Neuapostolische Kirche. In Österreich gibt es seit etwa 100 Jahren neuapostolische Christen. Die Kirche wurde im Jahr 1975 staatlich anerkannt.

 

Religiöse Werthaltungen und Traditionen

 

Die Neuapostolische Kirche gründet sich auf Jesus und führt mit Aposteln die Aufgabe der christlichen Urkirche fort, in welcher ebenfalls Apostel im Auftrage Jesu weitergewirkt haben. Die Neuapostolische Kirche will als Weg zu Gott dienen. Der neuapostolische Glaube basiert auf der Heiligen Schrift (nach der Luther-Ausgabe von 1984). Die Heilige Wassertaufe, die Taufe mit dem Heiligen Geist oder Heilige Versiegelung (Spendung der Gabe des Heiligen Geistes durch einen Apostel) und das Heilige Abendmahl sind Sakramente der urchristlichen Kirche und werden heute in der Neuapostolischen Kirche gespendet. Die Heilige Wassertaufe wird in rite gespendet und als solche innerhalb der christlichen Kirchen anerkannt.

 

Das Gebot Jesu: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. [...] Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, ist richtungweisend für das Leben der neuapostolischen Christen. In den Gottesdiensten wird die freudige Erwartung auf die Wiederkunft Jesu wach gehalten. Das durch den Heiligen Geist als treibende Kraft gewirkte Wort Gottes wird von den Aposteln und den priesterlichen Amtsträgern weitergegeben.

 

In den Gottesdiensten wird in freier Predigt, also ohne Manuskript, das Evangelium Jesu Christi verkündigt. Höhepunkt der Gottesdienste ist die Feier des Heiligen Abendmahls, welches nach dem gemeinsam gesprochenen Gebet „Unser Vater“ und der Sündenvergebung allen Gläubigen gereicht wird. Die musikalische Gestaltung der Gottesdienste durch Chöre und Orchester ist besonderer Ausdruck der feierlichen Begegnung mit Gott. Außer den Sakramenten empfangen die Gläubigen anlässlich der Konfirmation, Verlobung, Trauung und bei Hochzeitsjubiläen einen besonderen Segen. Trauerfeiern werden durch die priesterlichen Amtsträger oder einen Apostel durchgeführt. Auch das Gedenken und das Gebet für die Verstorbenen bilden einen integralen Bestandteil und stehen an drei Gottesdiensten im Jahr besonders im Vordergrund.

 

Soziale Werthaltungen und Aktivitäten

 

Die Mitglieder der Neuapostolischen Kirche gehen, wie alle anderen Menschen, ihren täglichen Aufgaben nach und erfreuen sich an den Schönheiten des Lebens, wobei sie natürlich, wie andere Menschen auch, von Leid nicht verschont sind. In all dem prägt das Bewusstsein um den gemeinsamen Ursprung allen Lebens in Gott die Wertschätzung und Achtung für die Mitmenschen, unabhängig von deren Herkunft und Abstammung, von ihren Lebensumständen und ihrer Religion, von etwaigen Krankheiten oder Behinderungen. Ebenso leitet sich daraus die Sorge um Schutz und Erhaltung menschlichen Lebens und das Bemühen um eine für kommende Generationen lebenswerte Umwelt ab. Diese positive Lebenseinstellung ist getragen vom Vertrauen auf Erlösung durch Jesus und ewige Gemeinschaft mit Gott. So sind neuapostolische Christinnen und Christen in der Gesellschaft integriert und entfalten frei ihre Persönlichkeit, wobei die Gestaltung des Privatlebens einzig Aufgabe und Entscheidung der Einzelnen bzw. des Einzelnen ist. Sie übernehmen Verantwortung und erfüllen ihre Pflichten, sind aktiv im Beruf und haben Freunde in und außerhalb der Kirche. Das Angebot individueller Seelsorge ist ihnen Hilfe und Stärkung in den verschiedensten Lebensumständen.

 

Haltung zum öffentlich-staatlichen Leben

 

Die Neuapostolische Kirche hat keine politischen oder wirtschaftlichen Ziele. Sie hebt keinen Kirchenbeitrag ein, sondern finanziert sich nur aus freiwilligen Spenden ihrer Mitglieder. Die Verwendung der Gelder entspricht den Grundsätzen der Gemeinnützigkeit. Die Jahresrechnung wird von einer unabhängigen Revisionsstelle geprüft.

 

Struktur und Ämter

 

Die Struktur der Neuapostolischen Kirche ermöglicht ein Minimum an zentraler Kontrolle. Das Apostolat mit dem Stammapostel als Haupt wird in Glaubensfragen als höchste Autorität geachtet. Die Amtshierarchie der Kirche geht auf das Urchristentum zurück und hat sich nach den Bedürfnissen der Gemeinden entwickelt. Frauen erfüllen vielfältige Aufgaben in den Gemeinden. 1981 wurde mit Mag. Rudolf Kainz aus Linz neuerlich ein Apostel für Österreich ordiniert. Er ist der gegenwärtige Kirchenpräsident der Neuapostolischen Kirche Österreich und wird in seiner Tätigkeit von zwei Bischöfen unterstützt (Stand Februar 2009). Derzeit gliedert sich die Neuapostolische Kirche Österreich in zwei Bischofsbereiche. Diesen gehören insgesamt sieben Kirchen-Bezirke an, die jeweils von einem Bezirksältesten betreut werden. Die rund 5.200 neuapostolischen Christinnen und Christen bilden bundesweit 55 Kirchengemeinden. Die Gläubigen werden in den Gemeinden von Diakonen, priesterlichen Ämtern (Priester, Gemeinde-Evangelist, Hirte, Bezirks-Evangelist, Bezirksältester, Bischof) und von Aposteln (Apostel, Bezirksapostel, Stamm-apostel) betreut. Diese Seelsorger, die durch Handauflegung in ihr Amt ordiniert werden, sind zum Großteil ehrenamtlich tätig, haben Familie und stehen im Berufsleben. Auch der nach einem staatlich approbierten Lehrplan von kirchlich bestellten Lehrerinnen und Lehrern abgehaltene Religionsunterricht oder die musikalische Gestaltung der Gottesdienste durch Organistinnen und Organisten, Chöre sowie Orchester erfolgen ehrenamtlich.

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/