Samstag 19. August 2017

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) in Österreich

 

Gott Vater und sein Sohn Jesus Christus stehen im Mittelpunkt der Gottesverehrung und der Theologie der Kirche. Jesus Christus ist für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben. Die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage feiern also Weihnachten und Ostern so wie alle Christen. Die Heiligen Schriften bestehen aus den Standardwerken der Bibel und dem Buch Mormon, das als ein weiterer Zeuge für Jesus Christus bezeichnet wird.

 

Geschichte

 

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wurde am 6. April 1830 im Nordosten der USA gegründet. Bekannt ist sie auch unter der Bezeichnung „Mormonen“. Der weltweite Hauptsitz der Kirche befindet sich in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. 1901 wurde in Haag am Hausruck die erste Gemeinde gegründet und seit 1955 ist die Kirche in Österreich staatlich anerkannt.

 

Bereits wenige Jahre nach der Gründung der Kirche bereisten Missionare über England das europäische Festland. Mit Orson Hyde kam 1841 ein Mitglied der Mormonen nach Österreich, das dem führenden Gremium der Kirche, dem Kollegium der Zwölf Apostel angehörte. 1883 wurden Missionare nach Wien gesandt. Im gleichen Jahr fand die erste Taufe in Lambach in Oberösterreich statt. Paul Haslinger war das erste Mitglied der Kirche im Bereich der heutigen Republik Österreich.

 

Um die Wende zum 20. Jahrhundert lebte im Dorf Rottenbach, nächst Haag am Hausruck in Oberösterreich, ein Bauer namens Johann Huber. Er erhielt den Besuch eines ehemaligen Schulkameraden, des Tischlers Martin Ganglmayer. Die beiden Freunde hatten interessanten Gesprächsstoff: Martin Ganglmayer war nach Amerika ausgewandert und hatte sich dort der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angeschlossen. Bei diesem denkwürdigen Zusammentreffen nahm Johann Huber die Botschaft interessiert auf. Er wurde am 27. April 1900 in München getauft.

 

Huber machte aus seiner Bekehrung kein Geheimnis, und so wusste bald jedermann in der Umgebung davon. Die Folgen waren Schikanen und Verfolgungen. Der Michelmeierhof in Rottenbach war das erste Versammlungshaus. Erst mit Ende des Ersten Weltkrieges und mit Inkrafttreten der religionsbezogenen Bestimmungen des Staatsvertrages von Saint-Germain glätteten sich die Wogen. Die Gemeinde hatte ihr Zentrum in Haag am Hausruck und konnte sich nun freier entwickeln. Aber noch immer wurden Gottesdienste gestört und Mitglieder aus ihren Heimen vertrieben.

 

Von der Jahrhundertwende bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges waren einige Missionare in Wien tätig. Es entstand eine kleine Gemeinde, deren Mitgliedschaft im Laufe dieser Jahre von 21 auf 46 Personen anstieg. 1914 wurden die Missionare nach Amerika zurückgerufen, kurz danach die Gemeinde aufgelöst. 1920 wurde die Gemeinde in Wien erneuert, sie besteht seitdem ohne Unterbrechung.

 

Abgesehen von einzelnen früheren Bekehrungen nahm eine geregelte Missionstätigkeit in den Landeshauptstädten Linz und Salzburg nach dem Ersten Weltkrieg ihren Anfang. Die Gemein-den in Graz und Klagenfurt, Innsbruck, Dornbirn, Bruck/Mur, Wels, St. Pölten und Wiener Neustadt entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit Verordnung des Bundesministeriums für Unterricht vom 27. September 1955 wurde die Kirche staatlich anerkannt.

 

Das erste Kirchengebäude wurde 1937 in Haag am Hausruck gebaut, 1953 ein weiteres in Salzburg. Das erste kircheneigene Gemeindehaus in Wien schließlich wurde 1961 geweiht. Es folgten weitere Gemeindehäuser in Wien und ganz Österreich. Alle Gebäude werden ohne öffentliche Mittel errichtet. 1988 gab es 13 kircheneigene Gemeinde- und Kulturzentren.

 

Aufbau und Struktur

 

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Österreich ist in zwei Pfähle gegliedert. Der Pfahl Wien-Österreich wurde am 20. April 1980 gegründet. Er umfasst die Bundesländer Wien, Niederösterreich, Burgenland und die Steiermark. Es folgte am 19. Jänner 1997 der Pfahl Salzburg-Österreich, die Bundesländer Oberösterreich, Salzburg, Kärnten und Tirol umfassend. Vorarlberg ist kirchenintern in einem weiteren Pfahl organisiert. Ein Pfahl umfasst mehrere Kirchengemeinden und funktioniert autonom. Er wird vom Pfahlpräsidenten geleitet; dieser hat zwei Ratgeber zur Seite. Die Führung der Pfähle und Gemeinden erfolgt ehrenamtlich durch Laienpriester.

 

Ende 2012 zählt die Kirche weltweit 14,6 Millionen Mitglieder. In Österreich bestehen 17 Kirchengemeinden mit rund 4.200 Mitgliedern. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wird in Österreich durch den Kirchenvorstand vertreten. Die Erste Präsidentschaft, bestehend aus drei Männern, sowie der Rat der Zwölf Apostel leiten die weltweite Verwaltung und legen Richtlinien dafür fest. Sie haben ihren Sitz in Salt Lake City. Die Erste Präsidentschaft und Mitglieder des Rates der Zwölf Apostel bereisen die ganze Welt, um sich mit örtlichen Leitern und Mitgliedern zu treffen.

 

Der Bischof ist der ehrenamtliche Leiter einer Gemeinde. Er erfüllt schwerpunktmäßig seelsorgerische und karitative Aufgaben. Ihm zur Seite stehen die Kirchenbeamten (Männer, Frauen und Jugendliche). Diese tragen ebenfalls unbezahlt zum aktiven Gemeindeleben bei. Ein gut organisiertes Besuchsprogramm hilft dem Bischof, bedürftige Mitglieder und Menschen in Not zu unterstützen. Der Bischof arbeitet eng mit der Leiterin der Frauenorganisation der Gemeinde zusammen. Die Einbeziehung aller Mitglieder in die Kirchenarbeit ist ein besonderes Merkmal der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

 

Der Bischof ist verheiratet und übt sein Amt neben seinem Beruf aus. Bernd Scheuch, Bischof der Gemeinde Graz über seine verantwortungsvolle Tätigkeit: „Ich kann nur für mich selbst sagen – ich wüsste nicht, wie ich jemandem helfen oder Rat geben sollte oder in familiären Angelegenheiten unterstützen könnte, wenn ich nicht selbst die Schönheiten, aber auch die Herausforderungen einer Partnerschaft, die Freude und die Schwierigkeiten mit Kindern oder den Berufsalltag kennen würde.“

 

Die Kirche fordert die Mitglieder auf, dem Beispiel von Jesus Christus nachzufolgen und in Nächstenliebe und Toleranz den Mitmenschen zu begegnen. Weltweit und in Österreich wer-den Hilfsprojekte für notleidende Menschen durchgeführt. Wohlfahrtsprogramme helfen die Entwicklung des Einzelnen zu fördern. Gesundheitsregeln besagen, dass Alkohol, Nikotin und Drogen zu meiden sind. Die Kirche lehrt, dass es wichtig ist, die Gesetze des Staates zu achten und den Staat zu unterstützen.

 

Einen zentralen Grundsatz stellt die Wertigkeit der Familie dar. Die Kirche lehrt, dass die Grundsätze christlicher Lebensführung am besten innerhalb der Familie veranschaulicht und praktiziert werden. Die elterliche Verantwortung wird stark betont. So empfiehlt die Kirche besonders das gemeinsame Familiengebet und den wöchentlichen Familienabend. Dieser Abend eröffnet regelmäßig Gelegenheit zum offenen Gespräch zwischen den Generationen. Zudem können wichtige Werte wie Ehrlichkeit und Nächstenliebe von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden.

 

In einem Auszug aus der Publikation „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“ heißt es: „Wir rufen die verantwortungsbewussten Bürger und Regierungsvertreter in aller Welt auf, solche Maßnahmen zu fördern, die darauf ausgerichtet sind, die Familie als Grundeinheit der Gesellschaft zu bewahren und zu stärken.“ Diese Proklamation wurde am 23. September 1995 vom Präsidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage öffentlich bekannt gegeben.

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/