Samstag 24. Juni 2017

Armenisch-apostolische Kirche in Österreich

 

Die Apostel Taddäus und Bartholomäus brachten den christlichen Glauben nach Armenien, worauf der Name „Armenisch-apostolische Kirche“ zurückgeht. Die formelle Bestätigung bzw. Anerkennung erfolgte im Jahr 301. Damals floh die schöne Hripsime mit einigen anderen Christinnen nach Armenien, wo sie darauf hoffte, in religiöser Freiheit leben zu können. Sie wies den heidnischen König Trdates III., der sie begehrte, ab, weil er kein Christ war. Daraufhin ließ Trdates sie und die meisten ihrer Gefährtinnen zu Tode foltern. Als er begriff, was er getan hatte, bereute er zutiefst und erkrankte schwer. Auf Ratschlag seiner Schwester sprach der König mit Gregor (später als Gregor der Erleuchter bekannt), einem christlichen Mönch, der seit Jahren von Trdates wegen seines christlichen Glaubens im Kerker gefangen gehalten wurde. Mit Gottes Hilfe bekehrte Gregor den König, der zum ersten Mal in der Weltgeschichte das Christentum offiziell als Staatsreligion für ein ganzes Land einführte. Kurze Zeit später offenbarte Christus Gregor die genaue Stelle, an der er eine Kirche errichten sollte. Dabei handelt es sich um die heutige Kathedrale vom Hl. Etchmiadzin, dem in der Nähe der Hauptstadt Armeniens gelegenen Heiligen Stuhl der Armenisch-apostolischen Kirche.

 

Ein Mauermosaik neben dem Eingang der Armenisch-apostolischen St. Hripsime Kirche in Wien erinnert an ihren Märtyrer-Sieg über Trdates. Gregor der Erleuchter und die heilige Hripsime sind in der Armenisch-apostolischen Kirche beliebte Figuren. Der heilige Gregor wird auch in der Römisch-katholischen und den Orthodoxen Kirchen verehrt.

 

Glaubenslehre

 

Die Armenisch-apostolische Kirche ist eine bewusst traditionelle Kirche. Ihre Traditionen und gesammelten Weisheiten sind auch heute noch aktuell, lebendig und anwendbar. Die Heiligen Messen werden in Altarmenischer Sprache gefeiert. Viele der liturgischen Texte, die ihre heilige Kraft aus der Vergangenheit und dem Versprechen auf die zukünftige Ewigkeit schöpfen, sind in den ersten Jahrhunderten nach Christus entstanden.

 

Die Heilige Kommunion wird den Gläubigen nach der privaten Vorbereitung und dem öffentlichen Schuldbekenntnis als Naschkar (Hostie) in Wein getaucht direkt aus dem Kelch vom knienden (dienenden) Priester überreicht. Kraft der im Nicäischen Glaubensbekenntnis erwähnten einen Taufe sind alle Christinnen und Christen willkommen, daran teilzunehmen. Dieses Sakrament wird generell – außer in der Großen Fastenzeit vor Ostern – bei jeder Messe angeboten.

 

Das Wort „Sakrament“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet unter anderem Widmung oder Weihe. Das armenische Wort ist խորհուրդ/khorhurd oder „Geheimnis“. Die Sakramente werden mit Zeichen gespendet; die konkreten, äußerlichen sind offensichtlich, aber der – entscheidende – innerliche Empfang von Gottes Gnade ist heilig und unerklärbar. Die Armenisch-apostolische Kirche erkennt sieben Sakramente an: Taufe, Firmung, Buße, Kommunion, Ehe, Weihe und Krankensalbung. Gleichzeitig mit der Taufe, welche üblicherweise mit Wasser und dem Heiligen Myron (Öl) gemeinsam gespendet wird, finden Firmung und Erstkommunion statt.

 

Nur Männer werden als Priester zugelassen. Es gibt sowohl verheiratete als auch im Zölibat lebende Priester. Das höchste Amt für verheiratete Priester ist das des Kahanas. Für die Ausübung höherer Ämter wie das des Vardapets (Kirchengelehrter und Wächter über die kirchlichen Traditionen), Bischofs, Patriarchen und Katholikos ist das Zölibat jedoch Voraussetzung. Das höchste Amt für Frauen ist das der Diakonin. Es gibt nur wenige Ordensschwestern in Etchmiadzin, auch die Zahl der in den Klöstern Armeniens lebenden Mönche ist relativ gering.

 

In der Armenisch-apostolischen Kirche gibt es neben dem Hauptzentrum vom Heiligen Stuhl in Etchmiadzin drei weitere geistliche Zentren: das Katholikat von Kilikien in Antelias bei Beirut (Libanon), das Patriarchat in Jerusalem und das Patriarchat in Konstantinopel. Seit 1999 ist Seine Heiligkeit Karekin II. Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier mit dem Sitz in Etchmiadzin. Dieses Amt ist das höchste in der Armenisch-apostolischen Kirche. Die Wahl der Katholikoi erfolgt durch Geistliche und Laien.

 

Kultur und Sprache

 

Von Anfang an spielte die Kirche eine entscheidende Rolle in Kultur, Sprache und Identität der Armenier. Trotz lang andauernder, oft brutaler Fremdherrschaften, gelang es, diese nicht nur zu bewahren, sondern auch weiter zu entwickeln und zu festigen. Die Armenische Kirche war und ist sich ihrer christlichen Rolle als Dienerin der Gläubigen bewusst. Einen kulturhistorisch bedeutenden Beitrag leistete sie Anfang des 5. Jahrhunderts, als der Mönch Mesrob Mashtots damit beauftragt wurde, ein Alphabet für die armenische Sprache zu entwickeln. Die Frohe Botschaft konnte damit unter den Armeniern wirkungsvoller verkündet werden, womit es den Armeniern ermöglicht wurde, ihre Religion in der eigenen Sprache zu erleben. Im Jahr 405 entstand innerhalb von kurzer Zeit das Alphabet, das mit wenigen Veränderungen heute in Verwendung steht.

 

Աա Բբ Գգ Դդ Եե Զզ Էէ Ըը Թթ Ժժ Իի Լլ Խխ Ծծ Կկ Հհ Ձձ Ղղ Ճճ Մմ Յյ Նն Շշ Ոո Չչ Պպ Ջջ Ռռ Սս Վվ Տտ Րր Ցց ՈՒու Փփ Քք - Եւև Օօ Ֆֆ –

 

Das moderne armenische Alphabet: Die 36 Basisbuchstaben mit den 3 Erweiterungen für Laute aus anderen Sprachen

 

Eine hoch gehaltene Tradition der Kirche ist das Betreiben örtlicher Schulen, um die Kinder gezielt in Religion, Sprache und Kultur zu unterrichten. Durch ihre beschwerliche Geschichte zum Diasporavolk geworden, haben die Armenier ihre Kirche überall hin mitgenommen. Den armenischen Schulen als Ergänzung zu den örtlichen öffentlichen Schulen kommt heute in den Ländern fern der Heimat eine besondere Bedeutung bei der Vermittlung des kulturellen Erbes zu.

 

Geschichte in Österreich

 

Die Geschichte der Armenier in Österreich reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Die anfänglich sehr kleine Gemeinde, meist aus Kaufleuten im Dienst des Hauses Habsburg bestehend, ist seitdem ständig gewachsen. Die Armenisch-apostolische Kirchengemeinde ist seit Ende des 18. Jahrhunderts in Österreich de facto anerkannt. Ende des 19. Jahrhunderts gab es die ersten ernsten Bemühungen, ein eigenes Gotteshaus zu etablieren. Im Dezember 1912 wurde unter der Führung des Priesters Aristakes Fesslian aus Suczawa im 1. Wiener Gemeindebezirk, Dominikanerbastei 10, eine Hauskapelle eingerichtet. Als immer mehr Armenierinnen und Armenier nach Wien kamen, wurde dem Wunsch nach einer eigenen Kirche immer öfter Aus-druck verliehen, bis es im Jahr 1964 soweit war: Der Kirchenbauverein erwarb ein Haus (3. Wiener Gemeindebezirk, Kolonitzgasse 11) und das dazugehörige Grundstück mit der Absicht, im Hof eine Kirche zu errichten. Zu dieser Zeit besuchte Rose Tricky aus London, eine in Smyrna geborene Armenierin mit dem Mädchennamen Hripsime Haladjian, Wien. Von ihren Erlebnissen während der in Wien gefeierten armenischen Messen zutiefst gerührt, bot sie der Gemeinde an, eine Kirche zu stiften. Am 28. Juni 1964 fand die Grundsteinlegung statt, bei der Rose Tricky persönlich anwesend war. An diesem Tag befand sich – nach menschlichem Ermessen „zufälligerweise“ – auch eine Architektengruppe aus Jerewan zu Besuch in Wien. Ihr gehörte der Architekt Eduard Sarabian an, der sich spontan bereit erklärte, die Pläne für den Kirchenbau auszuarbeiten. Der Wiener Architekt Ing. Walter Dürschmied wurde mit der Durch-führung des Projekts betraut. Viele Armenier und armenische Gemeinden aus aller Welt beteiligten sich mit Spenden an dem Kirchenbau. Die feierliche Weihe der Kirche St. Hripsime, ein Name mit langer Tradition und neuzeitlicher Relevanz, fand am 21. April 1968 statt.

 

Die amtliche Anerkennung der Armenisch-apostolischen Kirche als Religionsgemeinschaft durch die Republik Österreich erfolgte am 12. Dezember 1972. Im Jahr 1981 wurde die Hovhannes Shiraz Samstags-Schule gegründet, um in Wien ansässigen Kindern armenischer Herkunft Unterricht erteilen zu können.

 

Ter Andreas Isakhanyan ist seit Ende 2007 Seelsorger der Armenisch-apostolischen Kirche in Österreich, die der Patriachaldelegatur für Mitteleuropa und Schweden zugeordnet ist. Derzeit wohnen etwa 7.000 Armenierinnen und Armenier in Österreich, davon rund 3.000 in Wien. Neben der Gemeinde in Wien gibt es auch jüngere Gemeinden in Graz und Linz.

 

Die Armenisch-apostolische Kirche in Österreich pflegt enge Beziehungen nicht nur mit den eigenen internationalen Schwestergemeinden, sondern auch mit anderen Konfessionen und Glaubensgemeinschaften. Sie ist Mitglied des „Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich“ und ist unter anderem durch eine intensive jahrzehntelange Zusammenarbeit mit „Pro Oriente“ auch auf dem Gebiet der Ökumene sehr aktiv.

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/