Mittwoch 18. Oktober 2017

Bulgarisch-orthodoxe Kirchengemeinde zum Hl. Iwan Rilski

 

Historische Zeugnisse sprechen schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts von einer bulgarischen Präsenz in Wien. So traf im Herbst des Jahres 1656 der bulgarische katholische Bischof Petar Parcevich mit Kaiser Ferdinand III. zusammen, der ihn in den Adelsstand erhob. Bischof Petar Parcevich, der das Doktorat der Theologie in Rom erworben hatte und Griechisch, Latein, Italienisch, Walachisch, Armenisch und Bulgarisch beherrschte, wurde vom Kaiser nicht nur mit kirchlichen Missionen in Bulgarien und in der Moldau beauftragt, sondern auch mit rein weltlichen Missionen in Warschau, Venedig, Rom und der Ukraine.

 

Die heute bestehenden bulgarischen Handelsvertretungen gehen schon auf frühere Vorläufer zurück. Schon zur Zeit des Begründers der bulgarischen Wiedergeburt, des Heiligen Paisij Chilendarski, der im Jahre 1762 sein epochales Werk „Slawisch-bulgarische Geschichte“ herausgab, hatten die Händler aus seiner Heimatstadt Bansko ihre Niederlassungen in Wien und transportierten ihre Waren über die Donau in die Regionen Bulgariens.

 

Die Bemühungen der bulgarischen Gemeinschaft in Österreich, eine eigene und selbständige orthodoxe Kirche zu gründen, reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Schon bald nach dem Jahre 1800 wurde diese Idee von in Wien lebenden Kaufleuten sowie Emigrantinnen und Emigranten aufgegriffen. Es gab immer wieder unüberwindbare Hindernisse. Eines davon war der Einspruch der Serbisch-orthodoxen Kirche, die zur Zeit der Monarchie das Recht für sich beanspruchte, sämtliche Orthodoxgläubige slawischer Abstammung zu betreuen. Die in Wien lebenden Bulgaren mussten aber auch auf die Hilfe ihrer Heimat verzichten, die damals noch unter türkischer Herrschaft stand.

 

Wie sehr aber schon damals Österreich für die Entfaltung der nationalen Gefühle des bulgarischen Volkes und für seine kulturelle Entwicklung von Bedeutung war, geht aus der Tatsache hervor, dass mehr als die Hälfte der im Ausland in bulgarischer Sprache erschienenen Bücher in Wien gedruckt wurde. Seit der Befreiung Bulgariens (1878) wurden zahlreiche Versuche zur Gründung einer selbständigen und anerkannten Bulgarisch-orthodoxen Kirche in Österreich unternommen. Doch die Balkankriege und die beiden Weltkriege beeinträchtigten diese Bemühungen.

 

Der Bulgarische Patriarch Kyrill (1900-1970) forschte in den 1960er Jahren häufig in der österreichischen Hauptstadt und sammelte in der Nationalbibliothek umfangreiches Material, das die Grundlage für seine historischen Werke bilden sollte. Die tägliche, vor allem aber die sonn-tägliche, Messfeier und der Empfang der Heiligen Kommunion blieben ihm in Ermangelung eines bulgarischen Gotteshauses jedoch versagt. Zur gleichen Zeit baten ihn Vertreter der bulgarischen Kolonie, sich für die Gründung einer Kirchengemeinde einzusetzen und in diese einen Priester zu entsenden. Im Jahr 1967 erfolgte durch Erzpriester Dozent Nikolaj Schiwaroff, Dr. Kyrill Todoroff, Elisabeth Willner, Georgi Neikoff und Kommerzialrat Anissim Christoff die Gründung der bulgarisch-orthodoxen Kirchengemeinde in Österreich. Der erste bulgarische Gottesdienst wurde am 24. Dezember 1967 in der russisch-orthodoxen Kirche in Wien gefeiert. Ein Jahr später wurde der Kirchenrat gewählt, und am 10. Mai 1969 wurde die bulgarisch-orthodoxe Kirchengemeinde „Hl. Iwan Rilski“ von der Republik Österreich gesetzlich anerkannt.

 

Seit 25. Dezember 1993 verfügt die Kirchengemeinde im 4. Wiener Gemeindebezirk, Kühnplatz 7, über eine eigene Kirche, in der der Gottesdienst in kirchenslawischer, bulgarischer und deutscher Sprache gefeiert wird. Seit 1990 wird die Bulgarisch-orthodoxe Kirche in Österreich von Bischofsvikar Mag. Ivan Petkin vertreten, der auch die Pfarre in Wien leitet. Die Anzahl der in Österreich lebenden orthodoxen Bulgaren hat in den letzten Jahren enorm zugenommen – derzeit sind es über 35.000 Personen. Die Kirche auf dem Kühnplatz ist für die ständig wach-sende Gemeinde mittlerweile zu klein geworden. Aus diesem Grund wurde bei einer feierlichen Liturgie am 1. November 2005 offiziell die Initiative vorgestellt, in Wien eine bulgarische Kirche zu errichten, selbstverständlich in einer der Zahl der Gläubigen entsprechenden Größe.

 

Die bulgarische Gemeinschaft, die zu Beginn und in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Österreich als Kolonie bulgarischer Gärtner bekannt war, umfasst heute in Österreich mehr als 60 Ärzte, Hochschulprofessoren, Diplomkaufleute und Diplomingenieure beiderlei Geschlechts. Hunderte junge Menschen studieren an verschieden Universitäten in Wien, Salzburg, Innsbruck, Graz und Linz. Weltberühmte Opernsängerinnen und Opernsänger (etwa Ljuba Welitsch, Spas Wenkoff oder Xenia Wenkova), Dirigenten (Ruslan Raitschev, Emil Tschakarov u. a.), Instrumentalmusiker und Regisseure beeindruckten und begeistern auch heute die Liebhaber der klassischen Musik auf den Bühnen der Wiener Staatsoper, der Wiener Volksoper, der Wiener Philharmonie und anderer Wiener Theater wie auch in den Bundesländern. Der bulgarischen Gemeinschaft in Österreich gehört auch der renommierte Künstler Stoimen Stoilov an, dessen Werke weltweit gezeigt werden und die auch in österreichischen Sammlungen (etwa Albertina, Bundeskanzleramt, Hofburg) vertreten sind.

 

Die bulgarisch-orthodoxe Kirchengemeinde in Österreich ist ein Teil der bulgarischen Diözese von West- und Mitteleuropa. Die bulgarisch-orthodoxe Kirchengemeinde „Hl. Iwan Rilski“ ist Mitglied des Österreichischen Rates der Kirchen und nimmt durch ihre Priester, Hypodiakone und Gläubigen an allen Initiativen und Veranstaltungen teil, die der Einheit der christlichen Kirchen gewidmet sind. Sie organisiert und führt derartige Veranstaltungen aber auch selbst durch. Die gute Zusammenarbeit mit der von Kardinal Franz König gegründeten Stiftung „Pro Oriente“, mit der Fokolar-Bewegung Österreichs und vor allem die guten Beziehungen zur Römisch-katholischen Kirche in Österreich erreichten im Mai 2005 einen einstweiligen Höhe-punkt: Kardinal Schönborn übergab die Reliquien von sieben Heiligen als Geschenk, die für neu erbaute Kirchen in der Diözese von Varna und Veliki Preslav in Bulgarien Verwendung finden werden. Im Sinne der von Papst Benedikt XVI. forcierten Förderung der Einheit der Christen war dies von Kardinal Schönborn, der in der Bulgarisch-orthodoxen Kirche hohes Ansehen genießt, eine weitere bedeutende Geste im Geist der brüderlichen Liebe.

 

Die bulgarisch-orthodoxe Kirchengemeinde organisierte gemeinsam mit der Österreichisch-Bulgarischen Gesellschaft, Pro Oriente, der Fokolar-Bewegung Österreichs und der Militär-kommandantur Salzburg auch zahlreiche Konzerte in Wien und Salzburg, die von Freunden der orthodoxen Kirchenmusik in Österreich sehr geschätzt werden. Mit dem Bau von geistlichen und kulturellen Brücken will die Bulgarisch-orthodoxe Kirche einen Beitrag zum besseren Verständnis und zur Vertiefung des kulturellen Einigungsprozesses in Europa leisten.

 

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/