Mittwoch 18. Oktober 2017

Griechisch-orientalische Kirchengemeinden zur Hl. Dreifaltigkeit und zum Hl. Georg

 

Mit dem so genannten „Orthodoxengesetz“ vom 23. Juni 1967 verankerte der Nationalrat nicht nur die „äußeren Rechtsverhältnis-se der Griechisch-orientalischen Kirche in Österreich“ und anerkannte damit eine christliche Kirche, sondern würdigte auch die jahrhundertealte Präsenz der Griechisch-orthodoxen Kirche in Wien.

 

Die Tradition will die Anfänge des Griechentums in Wien und im österreichischen Raum in den byzantinischen Prinzessinnen sehen, die sich mit Babenbergern verehelichten: Theodora Komnene mit Heinrich II. Jasomirgott (1148), Theodora Angelos mit Leopold VI., dem Glorreichen (1203) und Sophia Laskaris mit Friedrich II., dem Streitbaren (1220). Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass die Prinzessinnen mit großem Gefolge nach Wien kamen und so als Erste griechische Sitten und Kultur in das Gebiet des heutigen Österreich brachten.

 

Nach dem Fall Konstantinopels 1453 wanderten viele byzantinische Gelehrte und noch mehr Handelstreibende in den Westen aus, wodurch zahlreiche griechische Gemeinden, Kirchen und Schulen entstanden. Diese Auswanderungswelle, begünstigt durch den Frieden von Passarowitz (1718), der den freien Handel zwischen der Donaumonarchie und dem Osmanischen Reich ermöglichte, führte dazu, dass viele griechische Handelsleute, meist aus Mazedonien, Epirus, Thessalien und von den Ägäischen Inseln, nach Triest und Wien kamen, um hier eine neue und freie Lebensexistenz zu gründen.

 

Das einheitliche nationale und religiöse Bewusstsein hat auch in Wien, wie früher in Venedig, Neapel, Livorno und später in Triest, Budapest, London, zur Gründung einer Bruderschaft mit dem Zweck der Erhaltung einer eigenen Kirche und Schule geführt.

 

So erlaubte Kaiser Karl VI. auf Intervention Prinz Eugens von Savoyen im Jahre 1723 die Errichtung der Bruderschaft „Zum Hl. Georg“, die die Verantwortung für die religiöse und seelsorgliche Betreuung der in Wien lebenden Orthodoxen übertragen erhielt. Seine Tochter Maria Theresia bestätigte und erweiterte dieses Privileg, wie auch ihr Sohn Kaiser Joseph II., dessen „Toleranzpatent“ die Gründung der bis heute existierenden griechisch-orientalischen Kirchengemeinde „Zum Hl. Georg“ in Wien (1782) ermöglichte. Die Kirche dieser Gemeinde wurde 1802 auf dem Grundstück der Familie von Karajan im 1. Wiener Gemeindebezirk, Griechen-gasse-Hafnersteig, gebaut und später durch Spenden der Familie Dumba nach Plänen des Architekten Franz Wipplinger (1742-1812) innen und außen renoviert.

 

Während die Griechen mit osmanischer Staatsbürgerschaft dieser Gemeinde angehörten, gründeten die Griechen des Habsburger Reiches die Kirchengemeinde „Zur Hl. Dreifaltigkeit“. Beide Kirchengemeinden wurden seit Joseph II. von allen seinen Nachfolgern anerkannt.

 

Die Kirche „Zur Hl. Dreifaltigkeit“ befindet sich seit 1787 im Haus am Fleischmarkt. Ihr heutiges Bild verdankt die nunmehr griechische Kathedrale in Wien dem Architekten Theophil von Hansen und dem spendenfreudigen Baron Simon von Sina. Die Renovierung in den Jahren 1983-1994 mit Unterstützung des Bundesdenkmalamtes und der Stadt Wien verlieh diesem historischen Bau mit seiner Fassade im neobyzantinischen Stil wieder seinen ursprünglichen Glanz.

 

Die Griechen in Wien gründeten auch eine eigene (National-)Schule, die 1804 mit Hofdekret anerkannt wurde; sie befindet sich heute noch am Fleischmarkt. Im Schuljahr 2006/2007 waren 240 Kinder im Alter zwischen vier und 18 Jahren eingeschrieben, die regelmäßig den Religions- und Sprachunterricht besuchten. Die griechische Nationalschule in Wien ist derzeit die älteste existierende Schule des Griechentums im Ausland.

 

Die historische Rolle, die die beiden griechischen Kirchengemeinden in der jüngeren Geschichte spielten, ist auf jene Männer zurückzuführen, die von Wien aus die geistige Vorbereitung des griechischen Aufstandes gegen die osmanische Herrschaft betrieben, der schließlich im Jahre 1821 zur Revolution und später zur Errichtung des freien und souveränen Staates Griechenland führte. In Wiens Druckereien wurden die ersten griechischen Zeitungen und Zeitschriften herausgegeben, sodass Wien als die Geburtsstätte der griechischen Presse bezeichnet werden kann. Namhafte Lehrer der griechischen Nation, wie die Priester Anthimos Gazis, Theoklitos Pharmakides und Neophytos Doukas, die Gelehrten Alexandrides, Davaris, Kokkinakis und nicht zuletzt der Nationalheld Rigas Pherräos machten Wien zum Zentrum der nationalen Aufklärung, die später zur Verwirklichung eines fast 400-jährigen nationalen Traums führte.

 

Zu den griechischen Familien, die eine besondere Rolle in der Wirtschaft und im kulturellen und politischen Leben Wiens und der Monarchie spielten, gehörten: von Sina aus Epirus, von Karajan aus Kozani in Mazedonien (Vorfahren des Dirigenten Herbert von Karajan), Dumba aus Kozani, Fürst Ypsilanti aus Konstantinopel und Calafati aus Korfu, der mit der Geschichte des Wiener Praters aufs das Engste verbunden ist.

 

Bis zum Jahre 1918 standen beide griechischen Kirchengemeinden, wie auch alle Orthodoxen der Monarchie, unter der geistigen Jurisdiktion des Metropoliten von Karlowitz und später von Czernowitz. Gleichzeitig sahen sie aber, so wie alle Griechen auf der ganzen Welt, im Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel immer die Mutterkirche und das Zentrum ihres kirchlichen und nationalen Lebens. Im Jahre 1922 wurde vom Ökumenischen Patriarchat die Erzdiözese von Thyateira und Exarchie für Zentral- und Westeuropa mit dem Sitz in London gegründet und alle griechischen Kirchengemeinden in Europa – so auch die von Wien – deren Jurisdiktion unterstellt. Von 1924 bis 1936 war Wien Sitz des Exarchates für Zentraleuropa, mit dem legendären Metropoliten Dr. Germanos Karavangelis an der Spitze. Am 17. Februar 1963 wurde von der Heiligen Synode des Ökumenischen Patriarchats die Griechisch-orientalische Metropolis von Austria und Exarchie von Italien und Ungarn (bis 1964 auch von Malta und bis 1982 auch von der Schweiz) mit dem Sitz in Wien gegründet. Zum ersten Metropoliten von Austria wurde Erzbischof Dr. Chrysostomos Tsiter gewählt. Nach seinem Rücktritt erreichte Italien den Status einer eigenen Metropolis. Nachfolger von Tsiter wurde Erzbischof Michael Staikos († 18. Oktober 2011) als Metropolit von Austria und Exarch von Ungarn und Mitteleuropa.

 

Nachfolger von Metropolit Staikos wurde Arsenios Kardamakis. Am 3. November 2011 wurde er von der Heiligen Synode des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel zum Metropoliten von Austria und Exarch von Ungarn und Mitteleuropa gewählt. Er wurde am 30. November zum Bischof geweiht und am 4. Dezember 2011 in Wien in sein Amt eingeführt.

 

Die Griechisch-orientalische Metropolis von Austria, welche die Verantwortung der seelsorgerischen und pastoralen Betreuung aller in Österreich, und Ungarn lebenden griechisch-orthodoxen Gläubigen trägt, findet ihre gesetzliche Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts durch das bereits erwähnte Orthodoxengesetz (1967) ebenso wie die der Juris-diktion der Metropolis angehörigen griechisch-orientalischen Kirchengemeinden in Wien.

 

Die Zahl der Gläubigen beträgt circa 35.000 in ganz Österreich. Außerhalb Wiens gibt es noch Gemeinden in Graz, Innsbruck, Leoben, Linz, Kufstein und Bregenz, die von Geistlichen der Metropolis von Austria betreut werden. Im Geiste der Ökumenischen Bewegung leistet die Griechisch-orientalische Kirche in Österreich Wesentliches zur Förderung des Dialogs zwischen den christlichen Kirchen im Rahmen der von Franz Kardinal König gegründeten Stiftung „Pro Oriente“ und des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich. So setzen die Griechisch-orthodoxe Kirche und mit ihr auch die in Wien vertretenen Kirchen von Serbien, Rumänien, Russland und Bulgarien ihr religiöses und kulturelles Leben bzw. ihre Tradition fort.

 

 


 

Quellen: Religionen in Österreich (Online-Broschüre des Bundeskanzleramtes)


Initiative von anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften in Österreich
http://www.proreligion.at/